“Männlichkeiten in den Medien. Das andere Geschlecht erforschen”

 

Fachgruppentagung am 8. und 9. Oktober 2004 in Salzburg

 

Der im Begriff Gender Studies zum Ausdruck kommende Anspruch, Männer und Männlichkeiten zu thematisieren, ist in der deutschsprachigen Medien- und Kommunikationswissenschaft bis heute nur vereinzelt eingelöst worden. Hinzu kommt, dass die vorliegenden Untersuchungsergebnisse und theoretischen Annäherungen noch nicht zusammengeführt worden sind.

 

Dies war der Anlass für die Tagung „Männlichkeiten in den Medien: Das andere Geschlecht erforschen“, die im Oktober 2004 am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg veranstaltet wurde von der DGPuK-Fachgruppe „Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht“ (Prof. Dr. Elisabeth Klaus, Dr. Martina Thiele, Susanne Kassel, M.A.), vom „Gendup – Zentrum für Geschlechterforschung“ (Dr. Julia Neissl), dem Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Edgar Forster und dem Männerbüro Salzburg (Eberhard Siegl).

 

Ein wichtiges Ziel dieser Tagung bestand darin, eine systematische Bestandsaufnahme der vorliegenden Studien zu ermöglichen. Ausgehend von einer solchen Bestandsaufnahme kann die Frage nach der Veränderung von Männerbildern und der Bedeutung neuer Männlichkeitsentwürfe in den Medien angegangen werden.

 

Begrüßt wurden die zahlreichen TeilnehmerInnen von den Veranstalterinnen Prof. Klaus und Dr. Neissl sowie dem Rektor der Universität Salzburg Prof. Schmidinger. Er hob die besondere Bedeutung von Gender im Wissenschaftsleben ebenso wie in den kulturellen und politischen Institutionen der Gesellschaft hervor. Die Universität würde dieser Bedeutung dadurch Rechnung tragen, dass es seit einigen Semestern den Studiengang Gender Studies gibt, dass ein ExpertInnenrat die Universitätsleitung in Fragen der Geschlechterforschung berät und der Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen eingerichtet wurde. Prof. Schmidinger lobte die interdisziplinäre und internationale Ausrichtung der Tagung.

 

In ihrem Eröffnungsbeitrag sprach Elisabeth Klaus (Salzburg) von den Paradoxien der Männerforschung, die im Titel der Tagung bewusst – und in Anlehnung an Simone de Beauvoirs “La deuxiéme sexe/Das andere Geschlecht” – als die Beschäftigung mit dem „anderen“ Geschlecht bezeichnet worden ist. Die Männerforschung, so Klaus, markiere vor allem deshalb eine wissenschaftliche Leerstelle, weil Männer gerade aufgrund ihrer gesellschaftlichen Dominanz “das eine, jedoch unsichtbare“ Geschlecht gewesen seien, während die Geschlechterforschung die Beschäftigung mit Frauen und Weiblichkeit als dem „anderen“ fokussierte.

 

Verschiedene Forscherinnen konnten in den vergangenen Jahrzehnten belegen, dass Frauen erstens in vielen Medienformaten erheblich seltener vorkommen und zweitens sie auf bestimmte Rollen festgelegt werden. Drittens, so Dane Archer et al. in ihrer berühmt gewordenen “Face-ism”-Studie von 1983, erscheinen Männer als Köpfe, Frauen als Körper. (Vgl. Archer et al. 1983). Körper sind eines der zentralen Themen der Gender Studies, da Geschlecht hier buchstäblich “auf den Leib geschrieben“ wird. Wie nun werden Männerkörper inszeniert? In den Tagungspanels zu “Männerzeitschriften”, “Science Fiction” und “Sport” ging es um diese Frage.

 

Männerzeitschriften bilden seit den 90er Jahren ein neues Segment der Publikumszeitschriften. Für ihre Erforschung sollten, so Jutta Röser (Lüneburg), die für die Erforschung von Frauenzeitschriften entwickelten Fragestellungen und Methoden Beachtung finden. Der geschlechtsspezifisch strukturierte Markt der Publikumszeitschriften stellt ihrer Meinung nach ein gemeinsames Forschungsfeld dar, das unter Berücksichtigung vier verschiedener Perspektiven bearbeitet werden müsse: der Perspektive des Gesellschaftswandels, der Ausdifferenzierung, der Ökonomie und der RezipientInnen.

 

Lars Bregenstroth (Dortmund) hat sich mit der auf dem deutschsprachigen Markt erfolgreichsten Zeitschrift für Männer “Men’ s Health” beschäftigt, die inzwischen bei einer verkauften Auflage von 253.000 Exemplaren in Deutschland (vgl. IVW, 2. Quartal 2004) liegt. “Men’s Health” verbindet tradierte Stereotype mit Aspekten, die auf Veränderungen im Geschlechterverhältnis weisen, zu oberflächlich stimmig wirkenden, letztlich aber höchst widersprüchlichen Konstrukten von Männlichkeit. Diese Widersprüche versucht die Zeitschrift, die sich als “Lebenscoach” anbietet, dann wiederum aufzulösen. Ein von den Frauenzeitschriften bekanntes Schema.

 

Uta Scheer (Frankfurt) und Patricia Feise (Würzburg) präsentierten unterschiedliche Konzeptionen von Männlichkeit in populären Fantasy- und Science Fiction-Serien, die auf der Tagung kontrovers diskutiert wurden. Scheer zeigte für „Star Trek“ und „Angel“, wie dort die Thematisierung queerer Männlichkeitsentwürfe doch wieder in eine Marginalisierung und Diskriminierung mündet. Die reine Existenz queerer Charaktere ist kein Garant für eine aus feministischer und/oder queerer Perspektive unproblematische Performanz der TV-Figuren, so Scheer. Hier muss eine genaue textuelle Analyse des Medienprodukts vorgenommen werden.

 

Im Unterschied dazu sprach Feise von einem „Paradigmenwechsel“ in den Männlichkeitsentwürfen, die in der Betrachtung nicht von einer Analyse der Weiblichkeitsentwürfe zu lösen seien, um der Dynamik der Geschlechterverhältnisse gerecht zu werden. Während die „Akte-X“-Agentin Scully für die in der abendländischen Tradition symbolisch männlich besetzten Bereiche der Rationalität und Wissenschaftsgläubigkeit stehe, verkörpere ihr Partner Mulder die traditionell als symbolisch weiblich konnotierten Bereiche wie Intuition, Emotionalität und Magie. Die Annäherung der beiden konträren Positionen im Verlauf der Serie weise schließlich, so das nicht unumstrittene Fazit der Referentin, tendenziell in die Richtung einer Auflösung binärer Geschlechterstrukturen.

 

Britt Schlehahn (Leipzig) zeigte in ihrem Beitrag zur Inszenierung der Sportart Skispringen im Fernsehen die scheinbare Widersprüchlichkeit zwischen den mageren Körpern der kleinen Skispringer und dem klassischen Bild des athletischen Männerkörpers. Zugleich hob sie hervor, dass Inszenierungsstrategien, wie sie bevorzugt bei privat-kommerziellen Sendern wie RTL erkennbar sind, durchaus Anschluss an traditionelle mediale Präsentationen von Männlichkeit im Sport herstellen.

 

Zum Abschluss des ersten Tagungsteils hatten die TeilnehmerInnen Gelegenheit, Rainer Werner Fassbinders Film “Der Händler der vier Jahreszeiten” (1971) zu sehen. In diesem zu Beginn der zweiten Frauenbewegung entstandenen Film wird die Krisenhaftigkeit einer “normalen” Männerrolle thematisiert.

 

An der Diskussion des Films beteiligten sich mit Hilde Fraueneder, Petra Hinterberger, Andreas Jahn-Sudmann und Didi Neidhardt eine Kunstwissenschaftlerin, eine Regisseurin, ein Medienwissenschaftler und ein Filmkritiker. Der Film, der wie viele Werke Fassbinders zur Gattung Melodram zu zählen ist, wirkte auf manche ZuschauerInnen zunächst zu theaterhaft, zu erstarrt. Andere filmische Präsentationsformen haben sich durchgesetzt und unser Sehen verändert. Doch ausreichenden Diskussionsstoff bot der “Händler der vier Jahreszeiten”, weil zu klären war, wie “klassisch” oder aber zeitbedingt die männliche Hauptfigur ist, der offensichtlich Fassbinders Sympathie galt.

 

Guido Zurstiege (Berlin) thematisierte im zweiten Tagungsteil die grundlegende Veränderung des Blicks auf den (nackten) männlichen Körper. Der klassische, bewundernde Blick der Antike sei um den schmachtenden und kritischen Blick auf den nackten Männerkörper erweitert worden. Die Präsentation des Mannes in der Werbung, in Lifestyle-Magazinen etc. als sexuelles Wesen, Objekt der Begierde oder Kaufanreiz, verbunden mit der bisher nur Frauen treffenden Verpflichtung zum Schönsein, sei somit Ausdruck der Enttabuisierung des männlichen Körpers. Männer werden nun auch zum Objekt der Begierde und sollen zum Konsum verführen. Doch Michael Rutschkys Klage: “Wohin man schaut, überall nackte Männer!”, relativierte der Referent mit dem Hinweis darauf, dass auch heute noch für mediale Repräsentationen zunächst gilt: “Wohin man schaut, überall Männer!” Die Analyse von Werbung hält Zurstiege, Autor einer Studie über „Männlichkeit in der Werbung“, für geeignet, um Aussagen über den Wandel medialer Repräsentation von Männlichkeit treffen zu können. Denn die Werbung sei, so der Referent unter Berufung auf Erving Goffman und Siegfried J. Schmidt ein “professioneller Beobachter”.

 

Nach diesem Vortrag konnten sich die TagungsteilnehmerInnen in drei Workshops mit “Metrosex als Männertrend”, “Reality-TV & Männlichkeiten” sowie “Männlichkeiten im populären Film” auseinandersetzen. Dazu hielten Marion Strunk (Zürich), Eva Flicker (Wien) und Lisa Gotto (Weimar) jeweils ein Impulsreferat, moderiert wurden die Workshops von den Salzburger KommunikationswissenschaftlerInnen Martina Thiele, Susanne Kassel und Christian Wiesner.

Im Workshop “Männlichkeiten im populären Film” ging es speziell um Vaterbilder. Deutlich wurde, wie sich das Vaterbild im populären Film im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. So ist der gestresste, inkompetente Vater, der sich plötzlich um Kinder und Haushalt kümmern muss, ein bewährtes Komödien-Schema, doch auch in allen anderen Filmgattungen kommen Väter vor, so z.B. in Science-Fiction wie “Star Wars” oder “Terminator”. “Terminator” zeigt Arnold Schwarzenegger in einer Rolle, die sich von derjenigen, die der Schauspieler und nun Politiker 1994 in “Junior” übernommen hat, extrem unterscheidet. Ist er in dem ersten ”Terminator“-Film noch als Killer-Maschine unterwegs, so entwickelt er im zweiten Teil doch vaterähnliche Gefühle; in “Junior” von 1994 schließlich spielt Schwarzenegger einen schwangeren Wissenschaftler, der sein Kind auch bekommen möchte.

Die TeilnehmerInnen des Workshops konnten nach einer Sammlung von Beispielfilmen Brüche und Neuorientierungen in populären Filmen erkennen. So treten in den siebziger und achtziger Jahren Väter vermehrt als Opfer von Scheidungs- und Fürsorgerecht auf. Emotionen zu zeigen, scheint seitdem erlaubt.

 

Das Format „Reality TV“ fokussiert nach Ansicht der Referentin des Workshops „Reality TV & Männlichkeiten“ in besonderem Maß die Aushandlung von Geschlechterpositionen und –beziehungen. Zugleich liefern Reality-Formate Orientierungsangebote, die die Komplexität des Geschlechterverhältnisses reduzieren helfen. Die TV-Beispiele thematisierten weibliche und männliche Handlungsstrategien, die in der Art der Inszenierung und/oder den Gesprächen der ProtagonistInnen erkennbar werden. Unter anderem ging es in den Dialogen um Sport, Bodystyling, die Mitwirkung im Haushalt, Homo-/Heterosexualität und männliche Lebensentwürfe. Im Workshop diskutierten die Teilnehmerinnen, inwiefern die Thematisierung von Männlichkeit („Wie muss ein Mann sein, um bei Frauen und auch sonst Erfolg zu haben?“) bereits als Anzeichen einer Krise in der Geschlechterordnung gewertet werden könne und ob die in den TV-Formaten präsentierten Männlichkeitsentwürfe einem traditionellen Geschlechterstereotyp verhaftet blieben.

 

Im Mittelpunkt des Workshops „Metrosex als Männertrend“ stand der von Mark Simpson geprägte Begriff „Metrosexualität“, der die „femininen Seiten“ der Männlichkeit beschreibt und ein neuer Trend in Mode, Kosmetik und Sport ist. Naturburschen oder Machos scheinen passé zu sein. Liebling der Medien ist nun der metrosexuelle Mann. Dieser ist gepflegt, geschminkt, großstädtisch, liebt Unterwäsche, (Ganz-) Körperrasur, Gesundheits- und Wellnesstrends und ist doch nicht schwul. Nach Ansicht amerikanischer Trendforscher sind etwa dreißig Prozent der Männer zwischen 25 und 45 Jahren metrosexuell.

 

Am Beispiel der Ikone David Beckham diskutierten die TeilnehmerInnen die Unterschiede zwischen Vorstellungen von Androgynität und Bisexualität bzw. Feminisierung der Männlichkeit. Zum einen wurde der Frage nachgegangen, ob „Metrosex“ eine brauchbare Konstruktion zum Überschreiten der Dualität Weiblichkeit-Männlichkeit sein könne. Zum anderen wurden besonders die Entwürfe metrosexueller Männerbilder im Sport (vor allem im Fußball) durch die Inszenierung von männlicher Körperlichkeit, Bewegung und Lebensweise kontrovers diskutiert.

 

Edgar Forster (Salzburg) thematisierte in seinem Vortrag die Bedeutung gesellschaftlicher Dominanzverhältnisse – Stichwort “Patriarchatsanalyse” – für die Männerforschung und stellte die Frage nach dem theoretischen Referenzrahmen der Genderforschung. Als Desiderat an die Forschung formulierte Forster eine queere Epistemologie. In der „Männerforschung“ hat sich eine Sichtweise durchgesetzt, die Identität als ein dynamisches Konzept begreift, das unterschiedliche Entwürfe von Männlichkeit in wechselnden Kombinationen zulässt. Die Erkenntnis, dass es zahlreiche Subjektpositionen gibt, die Männlichkeit also eine Fiktion ist, führt jedoch zugleich dazu, die Strukturkategorie Geschlecht und die mit ihr verbundenen fundamentalen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu negieren. Forster warf deshalb die Frage auf, inwiefern theoretische „Grenzverwischungen“ in der Geschlechterdichotomie nicht der Gefahr erliegen, über scharf gezogene Grenzen hinwegzutäuschen und plädierte dafür, diesen Wissenschaftsbereich als „Männlichkeitskritik“ zu bezeichnen. Mit Bezug auf Georg Simmels “Philosophie des Geldes” sprach sich der Referent schließlich für eine stärker ökonomische Betrachtung des Geschlechterverhältnisses aus, für eine Geschlechterökonomie, die aber über einfache Gewinn- und Verlustrechnungen (verlieren die Männer, wenn die Frauen gewinnen?) hinausgehen muss.

 

In der von Elisabeth Klaus moderierten Abschlussdiskussion erhielten Jutta Röser (Lüneburg), Edgar Forster und Birgit Buchinger (Salzburg), Guido Zurstiege (Münster/Berlin) und Margret Lünenborg (Berlin/Wien) noch einmal Gelegenheit, Positionen zu beziehen zu Theorien, Inhalten und Methoden der Genderforschung, speziell der Men´s Studies. Während Lünenborg die Männerforschung als nur im Rahmen einer Geschlechterforschung denkbar verstand, für die die Cultural Studies den theoretischen und methodischen Hintergrund liefern, plädierte Zurstiege dafür, die kommunikationswissenschaftlichen Theorien noch einmal daraufhin zu prüfen, wie sie sich für die Männer- bzw. Geschlechterforschung nutzbar machen lassen. Forster warf hingegen die Frage auf, wie dem grundsätzlichen Dilemma zu entgehen ist, dass Geschlechterforschung Geschlechterdichotomien fortschreibe. Buchinger forderte eine permanente Selbstreflexion der eigenen Position als Forscher oder Forscherin und sprach sich für die Förderung von Transdiziplinarität aus.

 

So kamen neben forschungstheoretischen auch grundlegende wissenschaftspolitische Fragen auf: Wie sollen sich Gender Studies im universitären Bereich positionieren? Wie lassen sich die Forschungsergebnisse besser integrieren?

 

Die Tagung verdeutlichte, dass Ergebnisse der kommunikationswissenschaftlichen Frauenforschung unter dem Gesichtspunkt der Männlichkeitskritik neu gelesen werden können und zukünftige Studien so konzipiert werden sollten, dass das „eine Geschlecht“ auch in der Forschung mehr Beachtung findet. Nur so ist der Anspruch der Gender Studies, Geschlecht als relationale Kategorie zu untersuchen, wirklich einzulösen. Die Tagung zeigte, wie viele Vorarbeiten dazu bereits geleistet wurden.

 

Susanne Kassel und Martina Thiele

 

Universität Salzburg
Fachbereich Kommunikationswissenschaft