Extended Abstracts

Sabina Misoch: Theoretische Modellierung von Kommunikationsstrukturen auf privaten Homepages

Zum Forschungsstand privater Homepages

Private Homepages fanden bisher kaum Niederschlag in der wissenschaftlichen Forschung, und dies trotz ihrer zunehmenden Verbreitung und gesellschaftlichen Etablierung, da nach aktuellen Schätzungen von mindestens einer Million privater Homepages in Deutschland ausgegangen werden muß (Schütz 2003; Misoch 2003) und diese Zahl täglich steigt. Bisherige Studien zu computervermittelter Kommunikation setzen sich hauptsächlich mit anderen Kommunikationräumen im Internet (Chats, MUDs; Bahl 1997, Döring 1999, Turkle 1999) und deren Kommunikationsbedingungen und -auswirkungen auseinander oder widmen sich der Konstruktion des Selbst unter den Bedingungen computervermittelter Kommunikation (Köhler 2003).  Studien, die sich dezidiert mit privaten Homepages auseinandersetzen, haben vor allem explorativen Charakter (Buten 1996; Shapiro/Shapiro 1997; Döring 2001; Chandler 2002), was hauptsächlich der Neuartigkeit des Mediums zuzuschreiben ist. Aktuelle Forschungen setzten sich in psychologischer Sicht mit den Persönlichkeitsmerkmalen von Homepage­inhaber/innen und deren Selbst­darstellung bzw. -darstellungstechniken auseinander (Schütz 2003) oder untersuchen die Modi der Selbstdarstellung auf privaten Homepages vor dem Hintergrund postmoderner Identitätstheorien (Misoch 2003).

Kommunikationswissenschaftliche Arbeiten haben sich bisher hauptsächlich mit der theoretischen Modellierung computervermittelter Kommunikation im allgemeinen auseinandergesetzt (Kanalredunktionsmodell; cues-filtered-out approaches; Medienwahl­­modelle; soziale Informationsverarbeitung; Imaginationsmodell; Simulationsmodell usw.). Ansätze zu einer theoretischen Fundierung und Modellierung der Kommunikation auf privaten Homepages stehen bisher aus.

Die private Homepage als Hybridmedium

Definition

Es können verschiedene Arten von Homepages unterschieden werden (Storrer 1999; Misoch 2003; Schütz 2003), wobei private Homepages sich dadurch auszeichnen, dass die in keinem institutionellen oder kommerziell-gewerblichen Zusammenhang stehen sondern ausschließlich der privat-persönlichen Selbstdarstellung von Individuen dienen. Private Homepages stellen eine Innovation hinsichtlich der individuellen Möglichkeiten der (öffentlichen) Selbstpräsentation, der Selbstbestimmung und der Interaktion im VR dar und erweitern damit das Spektrum der computervermittelten Kommunikation.

Struktur

Private Homepages zeichnen sich durch Multimedialität, Hypertextualität, Transformierbarkeit und Interaktivität aus. Sie stellen innerhalb der computervermittelten Kommunikation einen Sonderfall dar, da sie sowohl Individual- als auch Massenkommunikationselemente, synchrone als auch asynchrone und uni- sowie bidirektionale Kommunikationen beinhalten (können).

Die Basiskommunikation privater Homepages erfolgt über die Selbstpräsentation und diese kann der Massenkommunikation zugerechnet werden: sie verläuft asynchron, unidirektional und ist ein 1 x n-Setting von Seiten des Homepageinhabers an die WWW-Öffentlichkeit. Innerhalb des Mediums  Homepage können verschiedene andere Kommunika­tions­elemente integriert werden: eine E-Mail-Adresse um Rückmeldungen zu bekommen findet sich auf (fast) allen privaten Homepages; des weiteren können Chats integriert sein (16%; Daten aus Schütz 2003), in welchen die Besucher interaktiv mit dem Betreiber kommunizieren können, wenn dieser zeitgleich online ist; Gästebücher (61%), die eine unidirektionale Rückmeldung der Besucher ermöglichen sowie Web-Kameras (5%), die ihrerseits unidirektionale 1 x n-Settings darstellen, wobei die Übertragung des Bild-/ Videomaterials - im Vergleich zur Selbstpräsentation - in Echtzeit erfolgt. So kann eine private Homepage als Hybridmedium definiert werden, dessen verschiedene Kommunikationsstränge wie folgt modelliert werden können:

Abbildung: Kommunikationsmodell private Homepage

 

* Wenn es sich hierbei z.B. um die Life-Übertragung durch web-cams handelt, dann sind dies Echtzeitprozesse; ansonsten kann auch gespeichertes Bildmaterial integriert werden.

Anhand des vorliegenden Modells kann aufgezeigt werden, wie die verschiedenen Kommunikationsstränge im Rahmen privater Homepages verlaufen und es kann davon ausgehend diskutiert werden, wie diese innovative Form der Interaktion und Selbstpräsentation innerhalb der Kommunikationswissenschaften eingeordnet und interpretiert werden kann.

Literatur

Bahl, A.: Zwischen On- und Offline. Identität und Selbstdarstellung im Internet, München 1997.

Buten, J.: The first world wide web home page survey; http://www.asc.upenn.edu/ usr/sbuten/ phpi.htm.

Chandler, D.: Writing Oneself in Cyberspace; http://www.aber.ac.uk/media/Documents/ short/homepgid.html.

Döring, N.: Selbstdarstellung mit dem Computer; in: Boehnke/Döring (Hg.): Neue Medien im Alltag: Die Vielfalt individueller Nutzungsweisen, Lengerich 2001, S. 196 - 234

Döring, N. Sozialpsychologie des Internet, Göttingen 1999.

Köhler, T.: Das Selbst im Netz. Die Konstruktion sozialer Identität in der computervermittelten Kommunikation, Opladen 2003

Misoch, S.: Identitäten im virtuellen Raum: experimentell oder authentisch. Eine empirische Studie zur Selbstdarstellung auf privaten Homepages vor dem Hintergrund postmoderner Identitätstheorien (bisher unveröff. Diss., 2003).

Misoch, S.: Zum Zusammenhang von experimentellen Selbstpräsentationen auf privaten Homepages und Persönlichkeitsmerkmalen (in Vorbereitung); erscheint in: Internet und Psychologie: Neue Medien in der Psychologie, Göttingen 2004.

Shapiro, E.J./Shapiro, L.D.: Presentation of Self in Virtual Life; http://www.cs.pdx.edu/ ~len.

Schütz, A. u.a.: Selbstdarstellung auf privaten Homepages: Ausgangspunkt und erste Ergebnisse; in: Keitel, E. u.a. (Hg.): Neue Medien im Alltag: Nutzung - Vernetzung - Interaktion, Lengerich 2003, S. 234 – 262.

Storrer, A.: Die Homepage als Textart; http://www.ids-mannheim.de/grammis/storrer/ homepage.html.

 

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