Startseite // Foren // Gender* // Anmerkungen zur „redaktionellen Vorbemerkung“

 

Eine gute Idee, hier im Forum eine Diskussion zum Thema zu eröffnen! Vielen Dank an den DGPuK-Vorstand für die schnelle Initiative, die konstruktive Eröffnung und das Zusammentragen der Liste mit einschlägigen Publikationen zum Thema.

Zu der kürzlich veröffentlichten „redaktionellen Vorbemerkung“ von Herausgeber*innen und Redaktion der Publizistik habe ich bereits an anderer Stelle einige Gedanken formuliert, die ich hier nun – in leichter Abwandlung und Ausführung – zu Diskussion beitragen möchte.

Ich schätze die fünf Verfasser*innen des jüngsten Publizistik-Statements alle sehr, mit ihrer Qualifizierung von Stöbers Text als „Meinungsbeitrag“, der mit „fachlichen Argumenten“ etwas „zur öffentlichen Debatte über Fragen der Geschlechtergerechtigkeit beitragen“ kann, liegen sie aus meiner Sicht aber völlig daneben. Wie die Kolleginnen Müller, Peil, Lünenborg und Röser in ihren Beiträgen hier im Forum bereits dargestellt haben, fehlt es Stöbers Text ja gerade an solchen „fachlichen Argumenten“, die aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive und in ernsthafter Auseinandersetzung mit der aktuellen Fachliteratur und -diskussion zum Thema formuliert wurden. Wenn man liest, wie er den Genderstern zur beispielhaften Veranschaulichung eines seiner „Argumente“ einsetzt („Es gibt keine VerbrecherInnen oder Verbrecher*, Vergewaltiger* oder VergewaltigerInnen, Mörder* oder MörderInnen.“), bekommt man gar den Eindruck, dass Stöber die Praxis, über die er sich so wortreich auslässt, nicht einmal genau kennt. Mit dem Ausblenden (oder Ignorieren) des Fachdiskurses zum Thema, vor allem aber mit seiner Unterstellung von „Halbbildung“, „magische[m] Denken“ und „Unkenntnis“ spricht Stöber – das weiß und schreibt er selbst – den „Experten die Expertise“ ab und betreibt damit „das Geschäft jener Populisten, welche die Experten und Wissenschaft generell diskreditieren“. Wo die Herausgeber*innen in diesem Text „Respekt und Verständigungsorientierung“, die sie in ihrer Stellungnahme im Zusammenhang mit möglichen Repliken als Bedingung des „Forums“ anführen, erkennen (können), kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.

In dem Statement heißt es weiter, die „Grenze“ für die Veröffentlichung eines Diskussionsbeitrags im „Forum“ der Publizistik verlaufe „selbstverständlich dort, wo Menschen diffamiert und Rechte verletzt werden“. Das ist natürlich redlich, aus meiner Sicht für eine Fachzeitschrift – und auch ihr „Forum“ – aber viel zu wenig. Doch selbst wenn man die Latte so niedrig hängt, teile ich die Ansicht, Stöber habe diese Grenze in seinem Text „nicht überschritten“, ganz und gar nicht. Wenn er etwa schreibt, dass manche von denen, „die Gender-* und Binnen-I benutzen“, eine „Nähe“ („genau diese Nähe“!) zu Faschismus und Nationalsozialismus „zeigen“, ohne dies zu konkretisieren oder dafür auch nur ein einziges Beispiel zu nennen, dann ist das sehr wohl diffamierend – und zwar aufgrund der gewählten Unbestimmtheit („manche“) gegenüber jeder und jedem (Wohlgemerkt: Jede*r, nicht alle!), die Genderstern und Gendergap in ihr Schreiben und Sprechen integrieren. Wenn das wirklich das Niveau ist, auf dem fachinterne Diskussionen in der Publizistik geführt werden (können!), dann dürfen sich ihre Herausgeber*innen nicht wundern, „dass Teile des Diskurses nun andernorts stattfinden“.

Auch wenn das womöglich gar nicht ihre Absicht war: Durch ihr Statement haben die Herausgeber*innen den „unsachlichen, gar polemischen Stil“ von Stöbers Text für den Kontext des „Forums“ ihrer Fachzeitschrift nachträglich noch einmal explizit legitimiert. Das dürfte die „Herausforderung für die herausgeberische Arbeit [.], mit den eingehenden Beiträgen und Repliken angemessen umzugehen“, in Zukunft nicht gerade leichter machen. Das von einigen hier bereits angestimmte, bei öffentlich geäußerter Kritik an manchen Positionen inzwischen ja schon üblich gewordene Geraune über Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit (siehe jüngst etwa den ‚Appell für freie Debattenräume‘ oder das neu gegründete ‚Netzwerk Wissenschaftsfreiheit‘) lässt ja tatsächlich „eine längere Debatte“ erwarten. Die Aussage der Herausgeber*innen, dass in solch einer Debatte die Repliken der Ort sein sollen, „wo die Regeln des Diskurses ausgehandelt werden“, halte ich für problematisch. Denn sie tut so, als gäbe es diese Regeln nicht bereits. Doch nur weil ein Kollege diese Regeln gebrochen und die Publizistik den entsprechenden Text zur Veröffentlichung freigegeben hat, heißt das nicht, dass wir sie neu verhandeln müssen. Stattdessen kommt hier meines Erachtens den Herausgeber*innen und der Redaktion der Publizistik nun die Verantwortung zur Moderation und Qualitätssicherung der weiteren fachlichen Diskussionen, die sie „anstoßen“ und „ermöglichen“ wollen, zu. Für diese Aufgabe wünsche ich gutes, ja besseres Gelingen.