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Das Erzeugen und Bewirtschaften von Aufmerksamkeit ist Gegenstand unser aller Forschung in der Kommunikationswissenschaft. Deshalb ist davon auszugehen, dass Entscheidungen über Diskursformation, über Timing und Dramaturgie auch innerhalb der Öffentlichkeit der Kommunikationswissenschaft bewusst und gezielt getroffen werden. Wir wissen nur allzu gut, wie Erregung erzeugt wird, wie Empörungskaskaden orchestriert und damit Aufmerksamkeit bewirtschaftet wird. Themen der Geschlechterforschung dienen dabei immer wieder als beliebte Steilvorlage.



Diesem Weg der ‚Publizistik‘ mögen mittlerweile 400 Kolleg*innen, die den öffentlichen Brief unterzeichnet haben, nicht folgen. Die in weitgehender Unkenntnis der Forschungsliteratur verfasste Polemik mochten diese 400 Personen nicht als angemessenen Ausgangspunkt einer inhaltlichen Debatte begreifen. Hätte man eine fundierte Debatte gewollt: Warum wird diese dann nicht vielstimmig mit drei oder vier Beiträgen und mit unterschiedlichen Standpunkten eröffnet? Warum sollten sich alle folgenden Debattenbeiträgen an diesem einen ‚abarbeiten‘, dem jede sachliche und wissenschaftliche Fundierung fehlt? Sich darauf nicht einlassen zu wollen und eigenständige Formen der öffentlichen Artikulation zu wählen – darin besteht hier Kommunikationsfreiheit.



Diese Kommunikationsfreiheit jedoch „absolut“ zu setzen, wie der Kollege Reus es fordert, sollten sich Journalist*innen ebenso wie Wissenschaftler*innen hüten. Schützenswerte Rechte von Individuen und Kollektiven setzen der Kommunikationsfreiheit ebenso Grenzen wie grundlegende ethische Standards. In Zeiten von Hatespeech und strategischen Fehlinformationen scheint absolute Kommunikationsfreiheit weniger denn je ein tauglicher Maßstab öffentlicher Verständigung.



Margreth Lünenborg und Jutta Röser


Anknüpfend an den letzten Punkt stellt sich mir zusätzlich die Frage, welche Teilöffentlichkeiten außerhalb des Fachs Stöbers frei zugänglicher Text erreichen mag und ob sich die Publizistik unter Umständen in Kontexten wiederfinden möchte, die bestenfalls als an den Rändern des öffentlichen Diskurses angesiedelt sind.