Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

 

Stellungnahme der Fachgruppe Internationale und Interkulturelle Kommunikation der DGPuK zur BlackLivesMatter-Bewegung

Aus den Fachgruppen

Schon seit Monaten gehen in den USA Menschen gegen den alltäglichen und strukturellen Rassismus auf die Straße. Die Demonstrierenden wehren sich gegen die weitere Duldung und Verharmlosung von Hass und Gewalt gegen Afroamerikaner*innen und PoC sowie die Spaltung der Gesellschaft, vorangetrieben von der gegenwärtigen Regierung Trump. Auch in Deutschland demonstrieren Betroffene und Unterstützer*innen gegen Rassismus; fast einen Monat lang berichteten Nachrichtenmedien, Talkshows und Prinmedien intensiv, wie auch nach den Anschlägen von Hanau, Halle und anderswo. Zwar ist der historische Hintergrund insbesondere mit dem der USA nur schwer vergleichbar.


Doch es bleibt die Lücke, dass hierzulande bisher keine genuin im hiesigen Zusammenhang verankerte vergleichbare Bewegung entstanden ist. Denn die BLM-Proteste bieten sich, durchaus als Aufhänger für eine breitere Debatte über strukturellen Rassismus im postmigrantischen Deutschland wie im globalen Zusammenhang an. Hier wie dort sind gemeinsame Wurzeln in einer Tradition kolonialer Mentalität, Kolonialismus und interkulturelles Konfliktpotential ein relevantes Thema - sowohl im Zusammenhang der Migration, aber auch etwa in der Nachlese der Wiedervereinigung und der Geschichte der beiden deutschen Vorgängersaaten.

Als Fachgruppe Internationale und Interkulturelle Kommunikation erklären wir uns deshalb mit den Demonstrierenden solidarisch.

Die Anerkennung und selbstkritische Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung hierzulande ist stark ausbaufähig - in allen Institutionen. So wurde erst kürzlich ein rechtsextremes Netzwerk in der Frankfurter Polizei entdeckt, doch die Aufklärung verläuft schleppend, die Sondereinheit KSK wird wegen rechter Umtriebe teilweise aufgelöst. Auch die Medien sind als Institutionen eingelassen in die Gesellschaft. Pauschale Rassismusvorwürfe sind zwar fehl am Platz, doch die darin tätigen Journalist*innen und Redakteur*innen sollten eingefahrene Berichterstattungsmuster selbstkritisch reflektieren. Statt "Betroffenheitsporno" (Ferda Ataman in Vice) wäre eine gut informierte Debatte zielführender, um auf Rassismus in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Statt von einem "flambierten Döner" zu sprechen, wenn ein arabisches Restaurant abbrennt - wie kürzlich die WELT - sollten rassistische Metaphern konsequent aus dem journalistischen Baukasten verbannt werden. Notwendige Voraussetzung dafür ist eine selbstkritische Auseinandersetzung innerhalb des Journalismus und der etablierten Medien - und auch innerhalb der Kommunikationswissenschaft - Stichwort Dekolonisierung und "Tiefe internationalisierung".

Im Verlauf der Debatte bestätigt sich: die Selbstkritik muss über die spezifischen Hautfarben hinausgehen, denn nicht nur Afrodeutsche sind von Diskriminierung betroffen, sondern vor allem auch Einwanderer aus dem Nahen und Mittleren Osten, Muslim*innen bzw. solche, die dem Islam zugeordnet werden etc. Der politische Umgang mit und die Berichterstattung zu den aktuellen Coronaausbrüchen vor allem in Göttingen zeigt nur allzudeutlich den deutschen Bedarf an Reflektion, Sensibilisierung und Veränderung bezüglich nicht nur explizitem Rassismus’ der erstarkenden äußersten Rechten, sondern auch gegenüber systemischer Ausgrenzung und „Alltagsrassismus“, die in der Medienberichterstattung durchklingen.

Hier möchten wir als Medien- und Kommunikationswissenschaftler*innen durch unsere Forschung einen Beitrag leisten, um über Diskriminierung und strukturelle Rassismen – auch in den Intersektionen – im Medienkontext aufzuklären. Wir fordern Medienschaffende und-institutionen auf, sich stärker mit eigenen Berichterstattungsmustern und Einstellungspraxen auseinanderzusetzen. Wir stehen als Expert*innen beratend zur Verfügung.