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Die Unterzeichnenden haben kurz nach Veröffentlichung des Offenen Briefs mit einer Rundmail reagiert, um gegen den Versuch der Diskreditierung der Meinungsäußerungsfreiheit in unserer Gesellschaft anzugehen. Sie schrieben:

"Wir sehen in dem Offenen Brief den Versuch, vermittels des DGPuK-Vorstands die Redaktions- , Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit der Publizistik auf den Denkkorridor zu verengen, der den Ansichten der Briefverfasser entspricht. Bekanntlich nehmen die Kommunikations- und Medienwissenschaften den Inhalt der Presse-, Meinungs- und Redefreiheit sehr ernst. Der Offene Brief, obwohl von vielen geschätzten Kolleginnen und Kollegen unterzeichnet, offenbart, dass es derzeit eine Strömung gibt, die sich schwertut, diese Grundsätze auf sich selbst anzuwenden.  Wir möchten Sie zum Mittun animieren, unabhängig davon, ob und wie Rudolf Stöbers Auffassungen beurteilt werden. Denn darum geht es uns ja nicht. Wir hoffen, dass unser Brief ein Schneeballsystem (...) in Gang setzt, und sich so möglichst viele jüngere Kolleginnen und Kollegen unserer  Initiative der alten weissen Männer anschließen.

Mit kollegialen Grüßen

Günter Bentele – Georg Franck-Oberaspach – Hermann Haarmann – Michael Haller – Walter Hömberg - Hans Mathias Kepplinger – Wolfgang R. Langenbucher – Stephan Russ-Mohl – Erhard Schütz - Klaus Siebenhaar  – Bernd Sösemann – Jürgen Wilke"


Liebe Kollegen,

ich habe zwar nicht annähernd Ihr wissenschaftliches Renommee, habe aber die drei Eigenschaften mit Ihnen gemeinsam, nach denen Sie Ihre Initiative benennen: Ich bin (schon ziemlich) alt, weiß und männlich. Die Gemeinsamkeit reicht aber nicht aus, um Ihre Position zu teilen. Ich verstehe das Anliegen Ihrer Initiative, aber nicht so ganz, warum Sie der Auffassung sind, dass die Unterzeichner*innen die Grundsätze der Redefreiheit nicht auf sich selbst beziehen würden. Ich selbst habe lange überlegt, ob ich den offenen Brief unterschreiben soll, denn eigentlich ist jede Reaktion auf eine Provokation ein Dilemma: Reagiert man nicht, könnte das als Zustimmung oder Mangel an Interesse interpretiert werden. Reagiert man, wertet man die kritisierte Position auf. Was letztlich den Ausschlag gab, war definitiv nicht der Inhalt der Meinung, sondern die Form und der Stil der Äußerung und die Solidarität mit denjenigen, die in dem Forumgsbeitrag diffamiert werden. Und Herr Stöbers Kommentar ist meines Erachtens eindeutig diffamierend. Der Stil der Meinungskundgabe ähnelt auf fatale Weise den populistischen Scharfmachern und Trollen, wie man sie so häufig auf allen möglichen Internet-Plattformen erleben kann/muss. Soll das der Ton einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung sein oder werden? Wenn Sie Ihre Initiative betiteln mit "Wehret den Anfängen", dann kann man das auch in genau diesem Sinn verstehen, dass man frühzeitig einer solchen Kommunikationsweise (nicht dem geäußerten Inhalt selbst!) einen Riegel vorschiebt bzw. diesen zumindest nicht unkommentiert lässt.

"Wehret den Anfängen" wird heutzutage eigentlich benutzt, um die Gefahr des Rechtsradikalismus frühzeitig zu benennen. (Dies hat sich mittlerweile überholt, weil der Rechtsradikalismus mittlerweile viel weiter ist als am Anfang und schon wieder in der Gesellschaft Fuß gefasst hat.) Wenn Sie diesen Satz in Bezug auf die Unterzeichner*innen des offenen Briefs benutzen, fühle ich mich in  genau diese politische Ecke gedrängt. Zu den Diffamierungen in dem Text von Herrn Stöber sagen Sie dagegen leider nichts.

Haben Sie wirklich den Eindruck, dass der offene Brief an die Redaktion der "Publizistik" eine Art Redeverbot beinhaltet? Herr Stöber ist ein privilegierter Mensch, der seiner Meinung überall Ausdrucken verleihen kann. Warum muss ausgerechnet eine der wichtigsten deutschsprachigen Fachzeitschriften sich für einen solchen Text hergeben? Noch einmal: Es geht mir nicht um den sachlichen Gehalt der Meinungskundgabe, sondern um die Form, um den Stil. Muss es nicht diesbezüglich auch eine Art Qualitätskontrolle geben? Darf man sich nicht über eine solche Redaktionspolitik beschweren? Würde eine Zeitung einen solchen Leserbrief abdrucken?

Ich stelle es im Übrigen den Teilnehmer*innen aller meiner Lehrveranstaltungen oder den Examenskandidat*innen frei, gendersensibel zu formulieren (mit Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich usw.) oder nicht. Ich selbst benutze, wie Sie sehen, diese Sprache.

Abschließend: Als ich Mitte der 1990er Jahre einen Aufsatz in der "Publizistik" gendergerecht schreiben wollte (damals noch zweigeschlechtlich: "Journalistinnen und Journalisten"), wurde mir das herausgestrichen. Ich habe diese Sprachregelung akzeptiert, weil ich sonst den Aufsatz hätte zurückziehen müssen. Vielleicht hätte ich das tun sollen ...

Lieber Armin,

danke für diese Einordnung. Ihr gibt es nicht viel hinzuzufügen, außer, dass Publizistik-Autor*innen immer noch nicht frei entscheiden können, auf welche Weise sie in ihren Texten gendern. Die Publizistik hat es Ende 2020 mit Verweis auf ihre "Standards" abgelehnt, einen Text mit Gender-Star zu drucken, an dem ich als Mitautorin beteiligt bin und der in Ausgabe 1/2021 erscheinen wird. Wir haben den Text in der Konsequenz im generischen Femininum verfasst.

Liebe Frau Müller,

jetzt muss ich aber doch energisch widersprechen und Sie herzlich und öffentlich bitten, bei der Wahrheit zu bleiben!

Ich habe es am 4. November 2020 in einem Schreiben an die korrespondierende Autorin des Beitrags,  Frau Zillich, keineswegs "mit Verweis auf [unsere] Standards abgelehnt, einen Text mit Gender-Star zu drucken". Vielmehr habe ich geschrieben: "Gendersternchen sind möglich, in ihrer Vielzahl aber natürlich kein Genuss beim Lesen. Achtmal in zwei Zeilen wie auf Seite 10 ist wirklich ein bisschen happig. Bitte prüfen Sie, ob die Sternchen sich nicht doch durch Alternativen reduzieren lassen."

"Reduzieren lassen" , "Bitte prüfen Sie"...

Ihr Manuskript, das bereits im Juli angenommen worden war, enthielt, wenn ich mich nicht verzählt habe, 118 Sternchen. Das fand ich und finde ich stilistisch problematisch. Aber mit keinem Wort habe ich es abgelehnt, "einen Text mit Gender-Star zu drucken". Diese Behauptung jetzt in die Debatte zu werfen ist, mit Verlaub, schäbig.

Selbstverständlich sollte und wird Ihr gemeinsamer Beitrag in Heft 1 erscheinen. Und ich habe auch gar nichts dagegen, dass Sie ihn nun im generischen Femininum verfasst haben. Genau so wird er gedruckt.

Um so mehr muss ich mich jetzt gegen ihre Behauptung verwahren. Mein Entsetzen über den Offenen Brief wird durch Ihre Wortmeldung leider nicht geringer.

Gunter Reus

 

Lieber Herr Reus,

Sie haben Recht. Es handelt sich hierbei um ein Missverständnis.

Arne Freya Zillich

Lieber Herr Reus,

Sie haben Recht. Leider beruhte meine hier formulierte Aussage auf einem Missverständnis, da ich selber nicht mit der Redaktion kommuniziert habe. Es war keinesfalls meine Absicht, Unwahrheiten zu verbreiten.

Inhaltlich bin ich der Überzeugung, dass man an allen Stellen eines Texts einheitlich gendern sollte, über die man nicht sicher sagen kann, ob die Bezeichneten sich als Frauen, Männer oder Non-Binär identifizieren – auch 118-mal, wenn es notwendig ist.

Es freut mich, dass in der Publizistik Offenheit für alle Varianten des Genderns besteht. Können also Autor*innen eines Beitrags frei entscheiden, ob und ggf. welche Variante des Genderns sie in ihrem Beitrag umsetzen wollen?

Liebe Frau Müller, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ja, die Publizistik ist offen und überlässt es allen Autor*innen, in welcher Form sie gendern wollen. Ich werde das demnächst auch noch einmal explizit in die redaktionellen Hinweise aufnehmen.

Lieber Herr Reus,

beides begrüße ich sehr. Vielen Dank für die Informationen!

zu den Techniken, unliebsame Ansichten zu diffamieren, zählt auch die Methode des "entfremdeten Zitierens", nämlich das Umbetten missliebiger Aussagen in einen sinnfremden Kontext. Auf diese Weise kann man dem Urheber alles Mögliche und Unmögliche unterstellen. Es ist ein Merkmal populistischen Argumentierens. Aus meiner Sicht gelang dies den Verfasser*innen des Offenen Briefs mit mehreren Zitaten aus dem Text von Rudolf Stöber - und Ihnen gelingt es jetzt durchs Verfremden unseres Zitats "Wehret den Anfängen": Sie zwirbeln es solange, bis Sie eine Deutung finden, über sie Sie sich moralisch erregen können. Dabei ist der Sinn recht einfach. Verstehen Sie ihn - in Bezug auf unser Thema "Meinungsäußerungsfreiheit" - zunächst wörtlich. Und auch der Blick auf die Historie der Verwendung dieses Satzes erkennt etwas anderes , als Sie schreiben: Abweichend vom Urheber Ovid (er meinte die Liebe) ging es stets darum, nur schon den Ansatz zur (meist ideologisch gerechtfertigten) illegitimen Beschneidung von Freiheitsrechten abzuwehren, in unserem Falle die Einschränkung der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Allein darum geht es hier - unbesehen der Frage, ob und wie weit man der Argumentation von Rudolf Stöber folgen möchte. Oder bringt der Offene Brief Belege, dass Stöbers Argumentation die freiheitlich-demokratische Grundordnung verlassen hat, d.h. von Art. 5 GG nicht mehr gedeckt ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie dieser Ansicht sind. Und falls doch, gilt für mich umso mehr: Wehret den Anfängen!

Sehr geehrter Herr Haller,

über den offenen Brief Nicht diskriminierende Sprache kann man sicherlich streiten – auch wir sind darüber uneins. Allerdings besteht Einigkeit hinsichtlich Ihrer Antwort auf Armin Scholls Kommentar.

 

Seit 1945 wird Wehret den Anfängen in Deutschland eine sehr eindeutige Konnotation eingeschrieben. Diese Aussage, so dachten wir (wie Armin Scholl), sei für Aufforderungen reserviert, rechtsradikalen Bestrebungen frühzeitig entgegenzutreten. Sie steht in einer engen Verbindung zu Adornos Imperativ, „Denken und Handeln“ seien so einzurichten, dass sie eine Wiederholung der nationalsozialistischen Barbarei oder Ähnliches verhindern. Dass sich diese Bedeutung der dominant cultural order (Stuart Hall) in Deutschland zuordnen lässt, zeigt etwa eine kurze Recherche im FAZ-Archiv: Betrachtet man die letzten zwanzig Artikel, in denen Wehret den Anfängen auftaucht, so steht die Formulierung in einer deutlichen Mehrzahl im Kontext von Nationalsozialismus, Rechtsterrorismus, Antisemitismus oder fällt im Zusammenhang der Berichterstattung über die AfD. Auf diese Verbindung hinzuweisen, würden wir deshalb nicht als „Methode des ‚entfremdeten Zitierens‘“ betrachten. Sicherlich kann man einwenden, Wehret den Anfängen ließe sich im Kontext aller Bestrebungen nutzen, die der frühzeitigen Verteidigung von Freiheitsrechten dienen – auch in diesem Sinne findet das geflügelte Wort in der FAZ vereinzelt Anwendung. Wenn es sich jedoch vor dem Hintergrund des gesellschaftlich anerkannten, dargelegten Verständnisses gegen emanzipatorische Anliegen richtet, bleibt die Frage, ob nun diese Anliegen automatisch zu extremistischen Unternehmungen erklärt werden sollen.

 

Wir hätten es unmissverständlicher und richtiger gefunden, in einer Debatte wie der über die Sinnhaftigkeit einer gegenderten Sprache auf eine Parole zu verzichten, die nach unserem Dafürhalten für Gefährdungen anderer Größenordnung reserviert sein sollte. Gegen den offenen Brief gerichtet, erscheint sie uns deplatziert. Ob die Sorge um wichtige Freiheitsrechte angesichts des offenen Briefes berechtigt ist, ist aus unserer Sicht anzuzweifeln. In einer ähnlichen Debatte bemerkte der Medienwissenschaftler Friedemann Vogel, es sei doch „ziemlich grotesk“, wenn Eliten den Vorwurf des Angriffs auf die Meinungsfreiheit selbstgerecht-selbstreferentiell formulieren, obschon sie deutlich mehr Gelegenheiten haben, ihre Meinung öffentlich kundzutun, als die meisten anderen Bürger:innen (siehe den Beitrag von Friederike Herrmann, Elisabeth Klaus und Tanja Thomas in diesem Forum). Gerade mit Blick auf diesen Einwand lassen sich im Text von Rudolf Stöber Anknüpfungspunkte finden, etwa wenn er warnt, „Symbolpolitik“ verdränge „Politik […] auf einen Nebenkriegsschauplatz“. Steht es der DGPuK-Debattenkultur in Anbetracht dessen gut zu Gesicht, den Diskurs immer weiter in ein semiotisches Feld zu drängen, dem die faktischen Bezüge abhandenkommen? Wir sind da skeptisch. 

Mit freundlichen Grüßen

Simon Sax und Stephan O. Görland