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Die Zeitschrift „Publizistik“ spielt in der Binnenkommunikation unseres Faches eine wichtige Rolle. Dies schlägt sich normalerweise vor allem in Literaturhinweisen und Fußnoten nieder. Umso auffälliger ist der große öffentliche Wirbel, den jüngst der bisher nur digital zugängliche Beitrag über „Genderstern und Binnen-I“ gemacht hat. Die Reaktionen in der Presse jedenfalls sind alles andere als schmeichelhaft für unser Fach und unsere Fachgesellschaft.



Der Beitrag von Rudolf Stöber will zu einer Debatte anregen. Die Thesen des Autors sind m.E. gut begründet, wenn auch teilweise martialisch zugespitzt formuliert. Damit hat er seinem Anliegen keinen Gefallen getan. Bisher war in der Geistesgeschichte allerdings Polemik nicht per se verboten. Der Beitrag wurde in der Sparte „Forum“ veröffentlicht, die zur kritischen Auseinandersetzung und auch zu Kontroversen anregen will. Eine solche Sparte hatte ich zusammen mit Salzburger Studienkollegen schon 1972 vorgeschlagen (siehe die „Wiedervorlage“ dieser Vorschläge in AVISO 7/1993). Jahrzehnte später wurde diese Rubrik dann in der „Publizistik“ eingeführt. Die wenigen dort bisher veröffentlichten Beiträge haben anschließend zu anregenden und produktiven Debatten geführt. Andere Aspekte unseres Vorschlags werden seit 1990 im damals neu gegründeten Informationsdienst „Aviso“ umgesetzt.



Wie ist es zu erklären, dass eine große Zahl von Mitgliedern nun in einem Offenen Brief an den DGPuK-Vorstand Konsequenzen für die Zeitschrift verlangt? Neben dem aktuellen Hang zum Moralisieren scheint mir eine der Ursachen in einem Missverständnis zu liegen. Dies betrifft das Verhältnis von Fachgesellschaft und Zeitschrift.



Auf der Homepage der DGPuK wird die „Publizistik“ so vorgestellt: „… erscheint seit 1956 in Verbindung mit der DGPuK“. Diese Formulierung enthält gleich mehrere Fehler: Die Zeitschrift erscheint in der Tat seit 1956. Die „Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Zeitungswissenschaft“ (wie sie bis 1972 hieß) wurde jedoch erst 1963 gegründet. Zwar stand später lange Zeit im Impressum unter den Namen der Herausgeber der Vermerk „in Verbindung mit Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Zeitungswissenschaft“ (ab Heft 2-4/1972: „… Kommunikationswissenschaft“) – und es war eine lange Liste von einschlägigen Universitätsinstituten und sonstigen Institutionen sowie Personen angefügt, ohne dass dies faktisch Bedeutung hatte. Die Zeitschrift galt zwar informell als unser „Zentralorgan“ und es gab auch manche Doppelfunktionen bei den handelnden Personen, aber als Medium war die „Publizistik“ autonom. Dies zeigt sich auch darin, dass das Herausgebergremium nicht delegiert oder gewählt, sondern per Selbstergänzung rekrutiert wurde und wird. Bis vor wenigen Jahren war auch das Abonnement nicht im Mitgliedsbeitrag inkludiert.



Angesicht dieser Situation kann man nur darauf hinweisen, dass der Offene Brief falsch adressiert ist. Es ist zu hoffen, dass die inhaltlichen Fragen, um die es in dem Beitrag von Rudolf Stöber geht, weiter diskutiert werden können, ohne dass der Eindruck von einer Einschränkung der Redaktions-, Meinungs- und Redefreiheit bestärkt wird. Die Kritikerinnen und Kritiker sollten der Einladung der "Publizistik" zu Erwiderungen und Ergänzungen folgen, und zwar möglichst ohne Empörungsrhetorik. Oder sollen Meinungsverschiedenheiten in Zukunft von Ethik-Kommissionen entschieden werden? 



Walter Hömberg



 


Die Fragen, die Sie stellen, wurden im Beitrag von Christian Schwarzenegger (s. Thread „Mehr Streitkultur!“) schon sehr umfassend behandelt, weshalb ich sie an dieser Stelle gerne noch einmal zitieren möchte:

„(…) Denn die DGPuK ist – wenn hier vielleicht auch ohne formalen Auftrag – auch sonst das Gremium, das Kommunikationswissenschaftler*innen anrufen, wenn es etwa zu klären gilt: Die DGPuK ist das Gefäß, in dem wir uns über das Selbstverständnis des Faches verständigen und das Regelwerk zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit fortlaufend verhandeln; sie schalten wir ein, falls es vermutete Verfehlungen im Bereich der Forschungs- oder Wissenschaftsethik gibt und nicht zuletzt auch die Kriterien und Praxis der wissenschaftlichen Qualitätssicherung im Reviewing werden in ihrem Rahmen – etwa bei den Treffen von Vorstand und Fachgruppensprecher*innen – regelmäßig debattiert. Nicht zuletzt befindet die DGPuK auch darüber, wenn in den Zeitschriften des Faches etwas besonders gut gelungen ist – auch bei „Meinungsbeiträgen“ im Forum der Publizistik, wie die Preiswürdigung der Selbstverständnisdebatte des Faches „in datengebtriebenen Zeiten“ unterstreicht. Diskursverweigerung oder Denkverbote, die Unterdrückung von Öffentlichkeit kann ich darin nicht erkennen – stattdessen enthält der Brief gerade den Aufruf zur Diskussion in einem dazu geeigneten Umfeld. Es gibt doch keinen besseren Ort für diese Debatte als die Öffentlichkeit der Fachgesellschaft.“

Und auch Ihrem Vorschlag, „Die Kritikerinnen und Kritiker sollten der Einladung der "Publizistik" zu Erwiderungen und Ergänzungen folgen (...)“ möchte ich mit einem Zitat begegnen, nämlich aus dem Debattenbeitrag von Margreth Lünenborg und Jutta Röser: „Hätte man eine fundierte Debatte gewollt: Warum wird diese dann nicht vielstimmig mit drei oder vier Beiträgen und mit unterschiedlichen Standpunkten eröffnet? Warum sollten sich alle folgenden Debattenbeiträgen an diesem einen ‚abarbeiten‘, dem jede sachliche und wissenschaftliche Fundierung fehlt? Sich darauf nicht einlassen zu wollen und eigenständige Formen der öffentlichen Artikulation zu wählen – darin besteht hier Kommunikationsfreiheit.“

Es wurde in dieser Debatte schon sehr viel Kluges geschrieben und es ist durchaus erfreulich diese verschiedenen differenzierten Perspektiven auf den Sachverhalt – auch im Kontrast zu den verkürzten und teilweise falschen Darstellungen in der Presse – hier im Forum zu lesen.

Als Autor freut man sich natürlich über ein Feedback. Die geborgte Antwort in zwei langen Zitaten überzeugt jedoch nicht. Im ersten der angeführten Beiträge wird nicht thematisiert, dass die Verlagerung der Debatte in die Fachgesellschaft mit einer zumindest impliziten Forderung nach Sanktionen gegenüber der Zeitschrift verbunden war. Margreth Lünenborg und Jutta Röser haben Kluges und analytisch Überzeugendes über das Erzeugen und Bewirtschaften von Aufmerksamkeit und über die Orchestrierung von Empörungskaskaden formuliert. Genau dies trifft auf den Offenen Brief zu.

Soeben wird berichtet, dass Disney Plus 18 Folgen der "Muppet Show" mit einem Warnhinweis versehen hat. Vielleicht sollte man alles Gedruckte mit einem Zitat des Buchantiquars und Privatdetektivs Wilsberg als Warnhinweis versehen. In der 71. Folge der Serie, die am vergangenen Samstag im ZDF ausgestrahlt wurde, formulierte er treffend: "Bücher sind gefährlich: Sie machen schlau!"

Walter Hömberg

Lieber Kollege Hömberg,

Der Offene Brief wollte eine Debatte innerhalb unseres Fachs darüber anstoßen, was angemessene Bedingungen im wissenschaftlichen Disput sind. Mehr als 400 Unterzeichnende aus der Fach-Community halten das für eine sinnvolle Initiative .

Das strategische Empörungsmanagement über diesen wissenschaftlichen Kreis hinaus in eine breite Öffentlichkeit hat der Kollege Ruß-Mohl eindrucksvoll betrieben. Richten Sie Ihren Dank bitte an ihn.

Sehr herzlich,

Margreth Lünenborg