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„Kritisch wurde es für mich in diesem Frühjahr, als unaufgefordert in einen meiner Texte Gender-* und Binnen-I eingefügt wurden. Bezeichnenderweise geschah das in einem Text für die 2. Auflage eines Handbuchs, das im Springer-Verlag erscheinen wird.“ (Stöber, 2020)



Ich begrüße es, wie im offenen Brief und auch hier im Forum Verfahrensfragen der (wissenschaftlichen) Diskursführung, des Stils und des korrekten Beschwerdewegs in den Mittelpunkt gerückt werden. Es ist m. E. aber ein Fehler, wenn wir die Debatte um inhaltliche Positionen hintanstellen. Ich bleibe im Text von Rudolf Stöber an den Worten „Bezeichnenderweise (…) im Springer-Verlag“ hängen. Stöber beklagt letztlich, wie Manuel Menke an anderem Ort in diesem Forum aus seiner Sicht dargelegt hat, einen kulturellen Wandel und (aus seiner Sicht) veränderte Dominanzen. Offensichtlich ist dieser Wandel so weit fortgeschritten, dass selbst Springer-Lektor*innen (zumindest im sozial- und geisteswissenschaftlichen Verlagsangebot?) ganz selbstverständlich eine geschlechtssensible Sprache einfordern (in den allg. Richtlinien finde ich dazu allerdings keine manifesten Regeln: https://resource-cms.springernature.com/springer-cms/rest/v1/content/31242/data/v10).



Lassen wir die im Artikel folgende überspannte und gezielt provozierende Rhetorik hier beiseite. Jedes Denken und Wissen ist perspektivisch (bzw. „ideologisch“ i. S. v. Karl Mannheim), da macht wissenschaftliches Denken und Wissen – egal welcher Couleur – keine Ausnahme (auch in diesem Text hier nicht). Es ist im Bestfall aber transparenter, argumentativ überzeugend und kritisierbar. Stöber stellt, gleichsam in Stellvertretung für ein imaginiertes Kollektiv, letztlich eine Machtfrage: „[W]o endet die aufrichtig gemeinte Bemühung um mehr Emanzipation?“ – Bei ihm u. a. scheint die Grenze erreicht, wenn Emanzipation als verbindlicher Standard und Norm auf ihn selbst zurückkommt. Diese Normierung wird, in Teilen auch hier im Forum, als ‚Diktat‘, Bevormundung, Eingriff in die Kommunikationsfreiheit etc. betrachtet. Das * steht m. E. dabei nur symptomatisch für viele weitere Antidiskriminierungsbestrebungen und den Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung von marginalisierten Gruppen.



Zu behaupten, solche Konventionen würden den individuellen Handlungsspielraum nicht beschneiden, wäre natürlich Unsinn. Ja, eine Manuskriptrichtlinie schreibt sich in das Schreiben ein. Es liegt in der Natur von Konventionen/Regeln/Standards/Klassifikationssystemen zu normieren. Sie haben es in der Vergangenheit getan, wenn etwa Armin Scholl in einer Replik hier berichtet, dass ihm in den 90er Jahren geschlechtssensible Sprache in der Publizistik herausredigiert wurde; und sie tun es heute, wenn ein*e Springer-Lektor*in vermutlich im Einklang mit den selbstauferlegten Grundsätzen des Verlags von Rudolf Stöber mehr Geschlechtssensibilität fordert.   



Zu Stöbers Frage gehört für mich daher immer auch die Gegenfrage gestellt: „Wo endet die aufrichtig gemeinte Bemühung um mehr individuelle Freiheit für die nicht von struktureller Diskriminierung Betroffenen?“. Es wird in diesem Forum dafür plädiert, den Diskurs wissenschaftlich-argumentativ zu führen. Das ist gut. Dieser Diskurs ist aber nicht zu trennen von ‚politischen‘ Entscheidungen. Diese werden einerseits per Mehrheitsentscheiden getroffen, andererseits unter Berücksichtigung der berechtigten Interessen von Minderheiten oder marginalisierten Gruppen. Strukturelle Gewalt, systemische Diskriminierung, ‚gläserne Decken‘ nicht nur für Frauen oder queere Menschen, sondern ebenso für Menschen mit Migrationserfahrung oder aus prekären Lebensverhältnissen, sind ja nicht erdacht, sondern statistisch valide immer und immer wieder nachgewiesen. Verlage, wissenschaftliche Fachgesellschaften, Herausgeber*innengremien von Zeitschriften usw. sind allesamt handlungsfähige Körperschaften bzw. beruhen auf solchen. Lange Zeit haben die sie dominierenden Gruppen (im Bestfall und hoffentlich nur in unreflektiertem Weitertragen von Traditionen) keinen Wert gelegt auf geschlechtssensible Sprache. Jetzt tun sie es vermehrt, weil sie aus innerer Überzeugung oder dem Trend folgend, ein geeignetes Instrument bzw. Mosaikstein sehen, struktureller Diskriminierung etwas entgegenzusetzen. Ohne uns in ideologischen Grabenkämpfen zu verbeißen, können wir Fragenpakete schnüren und Schritt für Schritt diskutieren, beantworten und entscheiden: Sind diese und andere Anstrengungen gewollt, oder nicht? Will die DGPuK und ihre Publikationsorgane in diesen Fragen in eine 'Vorbildfunktion' gehen, oder wollen ihre Mitglieder das aus welchen Gründen auch immer mehrheitlich nicht? Falls die Anstrengungen mehrheitlich erwünscht sind, wie stark sollen sie institutionalisiert / kodifiziert werden? Oder sollen sie nur Empfehlungscharakter haben und sich bottom-up entwickeln?