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Alles ist geplant, nichts so wie es scheint, alles hängt mit allem zusammen.

Michael Butter ist seit 2014 Professor für Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. Gemeinsam mit Peter Knight (Uni Manchester) stieß er die COST Action an. Butter ist Principal Investigator des ERC-geförderten Fünf-Jahres-Projekts „Populism and Conspiracy Theory”, das im April 2020 an den Start ging.

 

Wie definieren Sie Verschwörungstheorien?

Michael Butter: Sie nehmen erstens an, dass nichts durch Zufall geschieht, also alles geplant wurde. Sie behaupten zweitens, dass nichts so ist wie es scheint, man also immer hinter die Kulissen schauen muss, um zu erkennen, was wirklich vor sich geht. Und dann erkenne man drittens, dass alles zusammenhängt, es also Verbindungen gibt zwischen Ereignissen, Personen und Institutionen, die man vorher niemals gesehen hat: Jetzt bei Corona z.B. das Virus, die 5-G-Technologie, die Bill-Gates-Stiftung und Wuhan.

Unter den Verschwörungstheoretikern sind Kommunikationsprofis wie Eva Herman (früher
Nachrichtensprecherin) und Ken Jebsen (Ex-Rundfunkmoderator). Wie wichtig ist dies für die Wirkung einer Verschwörungstheorie?

MB: Diese ehemaligen Journalisten können zwar professionell kommunizieren und Inhalte technisch perfekt aufbereiten; noch wichtiger aber ist, dass sie die Rolle eines „Renegades“ spielen, eines Abtrünnigen. Diese Figur gibt es seit Jahrhunderten: Leute, die Mitglieder der „Verschwörung“ waren, dann die Seiten wechselten und als Insider z.B. berichten können, wie es zugeht in den Redaktionen. Es bedarf aber nicht unbedingt einer professionellen Kommunikationsstrategie. Die Q-Anon-Theorien in den USA sind in obskuren Internetforen entstanden, bei 4chan, dann 8chan; solche Theorien funktionieren oft gerade dann besonders gut, wenn sie eine rohe Authentizität transportieren und nicht so poliert wirken. Erst wenn es um die Breitenwirkung geht, wird wichtig, dass Seiten wie „Breitbart“ das Thema aufgreifen oder auch Donald Trump. Professionalität hilft, ist aber nicht alles. Kernaspekt ist, eine großartige Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die absolute Sicherheit und Klarheit bietet und den Zufall auslässt. Anders als es in der offiziellen Version desselben Themas möglich ist, wo – z.B. bei Corona – Medien und Wissenschaftler immer wieder auch die Positionen ändern, wenn man wieder andere Erkenntnisse hat.

Verschwörungstheorien sind nicht neu. Worin besteht der Hauptunterschied zu heute?

MB: Lange Zeit wurden sie von den Mächtigen als normal angesehen und verbreitet, sie richteten sich in der Regel gegen Außenseiter und Schwache. Heute hingegen richten sich Verschwörungstheorien meistens gegen die Eliten selber.

Verschwörungstheorien berühren öffentliche Diskursstrukturen und andere kommunikationswissenschaftliche Themen. Sie haben gemeinsam mit Ihrem Fachkollegen Peter Knight das interdisziplinäre Forschungsnetzwerk „Comparative Analysis of Conspiracy Theory“ angestoßen. Welche Rolle spielte da die Kommunikationswissenschaft?

MB: Eine Mitarbeiterin von mir hat z.B. bei academia.edu recherchiert, wer zu Verschwörungstheorien arbeitet; wer auf uns aufmerksam wurde, konnte sich auch selbst melden. Aber tatsächlich: Es waren sehr wenige Kommunikationswissenschaftler dabei; mir ist das bis jetzt nicht speziell aufgefallen.

Sie haben das Thema nicht nur wissenschaftlich aufgearbeitet, sondern auch populär. Welche Rolle spielte der Transfer in die Öffentlichkeit?

MB: Er war uns von Anfang an wichtig und er ist in der Projektausschreibung breit angelegt. Es war klar, dass wir ein Handbuch und damit eine große wissenschaftliche Publikation machen wollten. Aber wir hatten schon zu Beginn des Netzwerks im Januar 2017 einen Stakeholder-Workshop in Brüssel, zu dem wir uns Leute von der EU-Kommission geholt haben, aus dem journalistischen Bereich, von NGOs, dem Bildungsbereich und hören wollten: Was macht Ihr bereits? Und was braucht Ihr? Darauf haben wir uns auch ausgerichtet – und einen Praxisleitfaden gemacht und dann noch einen Podcast.

In der deutschen Forschungsgemeinschaft, auch in der Kommunikationswissenschaft, gibt es für solche Transfers wenig Incentivierung. Es wird befürchtet, dass sie einer Karriere auch schaden können. Wie war das im Netzwerk?

MB: Allen, die dort zusammenkamen, waren die wissenschaftliche Seite und der Transfer in die Öffentlichkeit wichtig. Wir sind dort geprägt von der britischen Kultur; in Großbritannien ist die Verschwörungstheorieforschung sehr stark. Für die Bewertungen, die alle fünf Jahre an den britischen Hochschulen gemacht werden, ist Impact wichtig. Das heißt dort nicht nur: wo hat man publiziert und wieviel, sondern auch: wie trägt man es in die Öffentlichkeit? Zum Beispiel ist für eine englische Uni unser Podcast viel wichtiger für den Impact, den man so für das Department generiert, als drei weitere Journal-Beiträge. Peter Knight, mit dem ich das Netzwerk angestoßen habe, hat diese Transferleistung immer gepusht.
In Deutschland ist das schwierig abzuschätzen. Ich weiß nicht, ob ich es so extrem machen würde, wenn ich keine Professur hätte, weil man nie weiß, wenn man vorsingt, ob man eine Kommission hat, die das toll findet, oder eine, die das nicht so toll findet. In der Qualifizierungsphase kann es schwierig sein, viel populäre Veröffentlichungen zu machen. Es kommt auch auf die Uni an und auf das Fach. An der Uni Tübingen findet man es toll, wenn Wissenschaftler oft in der Öffentlichkeit auftreten und sich z.B. Geisteswissenschaftler, die etwas zu Corona zu sagen haben, zu Wort melden. Das wird hier sehr positiv gesehen, auch wenn es nicht irgendwie zusätzlich honoriert wird. Hinzu kommt: Unser Rektor ist, wie ich auch, Amerikanist; in unserem Fach zählt die die angloamerikanischen Diskurse prägende Einstellung, dass sich Forscher eher dem Ideal als „public intellectuals“ nahe sehen und es gut finden, wenn sie in der Öffentlichkeit gesehen und gehört werden.

Forschung zu Verschwörungstheorien ist Ihr Kernthema geworden. Wie kam das?

MB: Bei meiner Doktorarbeit zur Darstellung von Adolf Hitler in der amerikanischen Literatur stieß ich auf Verschwörungsszenarien wie z.B., dass Hitlers Tochter amerikanische Präsidentin werden wolle und ein CIA-Agent sie stoppen solle. Ich habe zu solchen Szenarien ein Seminar gemacht, dann zum Thema habilitiert und bin dabeigeblieben.

... und mittlerweile einer der bedeutendsten Experten in diesem Feld. Wie hat sich Ihrer Wahrnehmung nach das Interesse am Thema entwickelt?  

MB: Seit 2014 stieg es kontinuierlich. Vorher kamen zwei Mal im Jahr dazu Anfragen – immer mit der Richtung, warum die Amerikaner (implizit: anders als die Deutschen) solchen Theorien anhängen? Das änderte sich mit der Krimkrise. In deren Kontext wurden Journalisten als Teil der „Lügenpresse“, der „Nato-Medien“ beschimpft, was für sie schwer zu schlucken war. Anfang 2015 haben Peter Knight und ich den COST-Action-Antrag unter Hochdruck geschrieben. Wir wollten unbedingt die Deadline im März schaffen und dachten, das Thema sei gerade en vogue, bald aber interessiere es keinen mehr. Doch dann kamen Flüchtlingssommer, Brexit, Trump, AfD, Pegida, jetzt Corona – das Thema blieb. Dieses Jahr war es extrem wie nie; im Mai erhielt ich 160 Anfragen für Interviews. Da kam ich mit dem Absagen kaum mehr nach.

Hinzu kommen direkte Reaktionen der Menschen. Wie teilen sich diese bei Ihnen auf?

MB: Etwa 60 Prozent der Mails zum Thema sind Fragen von Journalisten; 20 Prozent umfassen positives Feedback von Leuten, die in einem Webinar oder einem Vortrag von mir waren und z.B. Rat suchen, weil der Vater plötzlich Verschwörungstheorien gut finde. Und 20 Prozent der Schreiben kommen von Leuten, die mich wüst beschimpfen. Aber das nimmt ab, weil sie mittlerweile eher im Netz ablästern, teilweise in 90minütigen Videos; Ausschnitte daraus nehme ich gerne als Einstieg in einen Vortrag.

Sie schauen sich an, was Verschwörungstheoretiker über Sie verbreiten?

MB: Zum Teil ja, weil ich wissen will, wie sie argumentieren. Diesen Sommer haben Verschwörungstheoretiker unser COST-Netzwerk entdeckt; jetzt schreiben sie, da seien ja genau die Leute dabei, die in einer Sendung von „Quarks und Co.“ (28.6.2016) befragt wurden und das zeige, welche geheimen Netzwerke es hier gebe. Doch in der Sendung wird ja gesagt, dass man beim Treffen unseres Netzwerks die Interviews gemacht hat, außerdem stehen wir im Internet; es ist also sicher keine Rechercheleistung, herauszufinden, dass wir im Netzwerk zusammenarbeiten.


Das Interview führte Marlis Prinzing.