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Diffamierungen und politisch-ideologische Motive



Ist das tatsächlich eine Debatte um den Genderstern? Das wäre fatal, weil rückwärtsgewandt, denn es muss ja wohl um Gleichberechtigung und Diskriminierung gehen, nicht um deren sprachliche Darstellung. Rudolf Stöbers Artikel ist daher wohl eher ein symbolpolitischer Beitrag, so wie es auch nur vordergründig um die Presse- und Meinungsfreiheit geht. Im Kern aber (nicht in Wahrheit, wie manche beanspruchen) geht es um einen Clash der normativen Ordnungen. Stöber selbst benennt es ja in seinem Untertitel: „… in Zeiten eines zunehmenden Illiberalismus“. Der Genderstern ist nicht das konflikthafte Symbol von Sprachnormen, sondern von fachpolitischer Ideologie. Mit dem Fokus auf diesen Stern wird durch den Beitrag – ebenso wie mit der Rundmail zum „Denkkorridor“ – eine Monstranz durch das Fach getragen, hinter der die erkennbare Absicht hervorscheint, die sozialkulturellen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte als illiberale Fehlentwicklungen zu etikettieren, sie auszubremsen und die normative Ordnung hierarchisierter Gesellschaftsformation zu restaurieren. Es sind politisch-ideologische Motive, es ist der Widerstand gegen liberale Debatten und Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte.



Dabei wird ohne große Rücksichten viel (Reputations-)Porzellan zerschlagen. Stephan Ruß-Mohl platziert seine Beiträge „– so viel Transparenz muss sein –„ in allen Blättern, in denen er langjähriger Kolumnist ist. Die Meinungsmacht, die er damit ausübt, scheint ihn ebenso wenig zu stören wie die verheerenden Konsequenzen für das Fach Kommunikationswissenschaft. Seine herablassende Art der Charakterisierung dieses Faches in der Öffentlichkeit degradiert die Kommunikationswissenschaft, die eh nicht gut beleumundet ist, noch weiter. Dieses Handeln ist seit Jahrzehnten bekannt: Das Fach und die Fachgesellschaft werden in der Regel nur bemüht, wenn Solidarisierung für bestimmte Interessen erwartet wird. In allen anderen Fällen, das heißt mehrheitlich, wird der eigene Garten der Reputation gepflegt, ohne die Fachgesellschaft daran zu beteiligen. Dass Ruß-Mohl Stöbers Beitrag für fundierter hält als viele andere, die er zum Thema gelesen hat, belegt zudem wohl nur, wie wenig er gelesen hat zu Diversität und Intersektionalität, zu Diffamierung, Diskriminierung und Vorurteilen.



Mit gehörigem rhetorischen Aufwand wird den Unterzeichner:innen des offenen Briefes falsche Zitation in der Debatte vorgeworfen, erste Beiträge sorgen sich um die Debatten- und Streitkultur. Dabei ist die schon durch Rudolf Stöbers Beitrag weit unterhalb eines akzeptablen Niveaus. Ich verstehe nicht, warum in einem Beitrag über den aktuellen Gebrauch von Gendersternen „Goebbels, Hitler, Rosenberg und Konsorten“ genannt werden müssen. Für mich sind die völlig deplatzierten, mühsam sprachlich kaschierten NS- und DDR-Vergleiche absolut inakzeptabel. (Hier in voller Länge, also nicht aus dem Zusammenhang gerissen: „Nun wird niemand all jenen, die Gender-* und Binnen-I benutzen, Nähe zu Faschismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus vorwerfen. Manche Nutzer aber zeigen genau diese Nähe. Ich möchte den Kolleginnen und Kollegen, die in unseren Zeitschriften publizieren, diese Nähe nicht unterstellen. Ich will nicht einmal den meisten Nutzern von Gender-* und Binnen-I außerhalb unseres Fachs unterstellen, bewusst manipulieren zu wollen. Aber: Soweit anzunehmen ist, dass die Lenkungswirkung zweiter Ordnung nicht angemessen reflektiert wird, soweit nur dem Trend eines bestimmten Milieus gefolgt wird, soweit man sich nur den Anschein der Fortschrittlichkeit geben will, soweit ist der Gebrauch von Gender-* und Binnen-I bestenfalls unbedacht, selbstgleichschaltend und latent manipulativ. Und das lehne ich mit Nachdruck ab.“ (Stöber 2020, 4) Und weiter: „Auch denjenigen, die sich offen und bewusst dazu bekennen, mittels Sprache das Denken beeinflussen wollen, werfe ich keinesfalls Nähe zu irgendeinem politischen Extremismus vor.“) Rudolf Stöber ‚möchte‘ niemandem nichts vorwerfen oder unterstellen, er tut es aber kraft seiner Sprache doch, er tut genau das, was er kritisiert: Er unterstellt und manipuliert durch Sprache: „Manche Nutzer zeigen genau diese Nähe.“ Es gehört ein besonderes Verständnis von Sarkasmus dazu, blind zu sein gegenüber den pauschalen Diffamierungen, die Stöbers Text enthält. (Ja, ja, ich weiß was folgt, Stöber hat das weder so gesagt noch so gemeint. Das ist das bekannte Muster, Grenzen übertreten und dann behaupten, es werde falsch interpretiert. Ich bin gespannt, wie die NS- und DDR-Passagen seines Beitrags fürderhin ausgelegt werden.)



Ich möchte nicht in die Ecke eines politischen Extremismus gedrängt werden, nur weil ich seit mehr als zwanzig Jahren versuche, nicht-diskriminierende Sprache zu verwenden. Rudolf Stöber stellt liberales Denken und Handeln mit holprigen sprachlichen (!) Mitteln in eine Reihe mit politischem Extremismus, ein derzeit sehr bekanntes und häufig genutztes Argumentationsmuster verschiedenster politischer Bewegungen. Das geht mir gegen den Strich. Wenn Du, Rudolf, der Meinung bist, lieber nicht mit mir im diskriminierungsfreien Boot sitzen zu wollen, dann musst Du wohl aussteigen.



Ich werde auch weiter üben, die täglichen Diskriminierungen, Vorurteile und Rassismen, auch meine eigenen, wahrzunehmen und anzuprangern. Da gibt es auch in der Kommunikationswissenschaft viel zu tun, denn alle empirischen Erhebungen zum Fach belegen, dass es nicht grade führend ist bei Gleichberechtigung und Integration. Da klingt es wie Hohn, wenn Rudolf Stöber ein fachgruppenübergreifendes Forschungsprojekt zu Gendersternchen fordert statt forschend der intersektionalen Diskriminierung im Fach nachzugehen. Die einzige „Selbstverständlichkeit“, von der Stöber schreibt, ist die der tagtäglichen Diskriminierung, im vorliegenden Fall derjenigen von Frauen. Grundlage von Diskriminierung ist die Setzung von Normen durch dominante Gruppen, und das sind zumeist Männer (und leider nicht nur alte weiße Männer).