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Universitäten sind auch Forschungsinstitutionen

  Sigrid Kannengießer (Universität Bremen)

 

 


 

  Johanna Möller (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

 

 


 

Mit der Bayreuther Erklärung haben die Kanzler*innen der Universitäten Deutschlands die Grundidee des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) bekräftigt. Sie stellen heraus: Das „Beschäftigungssystem der Universitäten im wissenschaftlichen Bereich ist primär ein Qualifizierungssystem“ . Wissenschaftler*innen sollen nicht unbefristet beschäftigt werden, um das System nicht für Nachkommende zu verstopfen sowie dynamisch und flexibel zu bleiben. Und doch sind Universitäten mehr als Qualifizierungssysteme. Sie sind in ganz erheblichem Maße auch Forschungsinstitutionen! 


Universitäten positionieren sich etwa im Wettbewerb um den Status als Exzellenz-Universität über ihre Spitzenforschung oder Drittmittelsalden. Solche Forschung können viel beschäftigte Hochschullehrer*in aber nur mit Unterstützung erfahrener Mitarbeiter*innen bewältigen. Hier ist dann viel gefordert. Methodische und inhaltliche Expertise gehören genauso dazu wie etwa Erfahrung in der Projektleitung oder in der Arbeit mit internationalen Teams. Neben der Forschung lehrt der wissenschaftliche Mittelbau zudem und betreut eine große Anzahl studentischer Abschlussarbeiten in den Bachelor- und Masterstudiengängen. 


Mindestens an dieser Stelle wird das WissZeitVG auch ein Problem für etablierte Professor*innen, die ihre Mitarbeiter*innenstellen nicht mehr mit diesen erfahrenen Personen besetzen können. Dazu kommt, dass viele Universitäten seit der Novellierung des WissZeitVG im Jahr 2016 die Qualifikationszeiten zunehmend auch auf Drittmittelbeschäftigte anwenden. Die Qualität von Forschung und Lehre wird dadurch nachhaltig beeinträchtigt. Dass Wissenschaftler*innen an vielen Universitäten in Deutschland ihre „Eigene Stelle“ nicht mehr durch erfolgreiche Drittmitteleinwerbung finanzieren können, sondern die Professur die einzige Möglichkeit der Weiterbeschäftigung bleibt, ist also nicht nur ein individuelles Problem.


Die Bedeutung von Universitäten als Forschungsinstitutionen wird aber auch mit Blick auf den regulären Arbeitsmarkt deutlich. Hier unterscheiden sich die Forschungsbereiche. Während Naturwissenschaftler*innen oder Mediziner*innen auch an zahlreichen außeruniversitären Forschungsinstitutionen weiterarbeiten können, ist dies in der Kommunikations- und Medienwissenschaft kaum möglich, da in unserem Fach primär an Universitäten geforscht wird. 
Das verkürzte Verständnis, Universitäten seien primär Qualifikationssysteme, führt so zu einem Problem von politischer und gesellschaftlicher Reichweite. Wir sollten daher nicht nur die Arbeitsbedingungen befristet beschäftigter Wissenschaftler*innen und ihre Perspektiven diskutieren, sondern auch, welche Aufgaben Universitäten insgesamt zukommen. Die Frage, welche Strukturen wir schaffen können, um nachhaltig relevante Expertise zu schaffen, ist eine Aufgabe für Wissenschaftler*innen aller Statusgruppen und Fachverbände – und betrifft nicht nur den befristeten wissenschaftlichen Mittelbau.